Serielle Sanierung für Bestandsgebäude
Wirtschaftlich in Serie
Text: Dipl.-Ing. (FH) Christine Uske | Foto (Header): © Ingo Bartussek – stock.adobe.com
Sanierungen müssen verstärkt unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit betrachtet werden. Es gilt, energetische Sanierungen und langfristige Bauschadensfreiheit unter einen Hut zu bringen, während die Rentabilität nicht aus den Augen verloren werden darf. Dem Konzept der seriellen Sanierungen darf dabei erhöhte Aufmerksamkeit zukommen. Im Folgenden wird kurz auf das Konzept an sich, sowie Ablauf einer solchen Maßnahme und verwendete Materialen eingegangen.
Auszug aus:
GEG Baupraxis
Fachmagazin für energieeffiziente und ressourcenschonende Neu- und Bestandsbauten
Ausgabe März / April 2026
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Bis 2050 sollen in Deutschland Bestandsgebäude klimaneutral saniert werden. Noch immer geht eine Sanierung der meist vor 1977, ohne Vorgaben von Wärmeschutz, errichteten Gebäude nur schleppend voran. Wohnungsbauunternehmen, Genossenschaften usw., die über einen großen Bestand an Wohnungen verfügen, stehen hier in der Verantwortung. Im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) wurde als Anreiz ein Bonus für die Serielle Sanierung (SerSan) eingeführt. Das bedeutet, dass industriell vorgefertigte Bauteile zur Sanierung verwendet werden. Diesen Bonus gibt es, wenn das Gebäude mindestens auf Effizienzhaus-Standard 55 saniert wird.
Seit 2022 gibt es einen Sanierungsbonus für sog. „Worst Performing Buildings“ (WPB). Als WPB gelten Wohn- und Nichtwohngebäude, die energetisch zu den schlechtesten 25% der Gebäude in Deutschland gehören. Diese entsprechen der Effizienzklasse H, d. h. einem Endenergiebedarf von über 250 kWh/(m²a). Diesen Bonus gibt es, wie den Bonus für die Serielle Sanierung, wenn das Gebäude mindestens auf Effizienzhaus-Standard 55 saniert wird.
Vorteile Serieller Sanierungen
„Serielles Sanieren“ beschreibt einen standardisierten Ablauf vom 3D-Aufmaß über die Vorfertigung der Fassaden- und Dachelemente im Werk und anschließender Montage an dem zu sanierenden Bestandsgebäude. Die Fassaden- und Dachelemente stellen die Dämmebene des Gebäudes dar.
Die Vorteile einer Seriellen Sanierung sind, dass durch den hohen Vorfertigungsgrad ein schneller Bauablauf erfolgen kann und eine durchgängige Bewohnbarkeit des Gebäudes ermöglicht wird. Wärmebrücken werden vermieden, indem eine Wärmedämmschicht zwischen dem Bestandsgebäude und dem neuen Fassadenelement für den Ausgleich von Toleranzen und Verformungen sorgt.
Die Serielle Sanierung (SerSan) wird derzeit von der BAFA gefördert. Serielle Sanierung bedeutet, dass industriell vorgefertigte Bauteile zur Sanierung verwendet werden. Der Einbau von seriell vorgefertigten Fassadenelementen ist die Voraussetzung für eine Förderung. Die Voraussetzung für eine Förderung ist an folgende Bedingungen geknüpft:
Die Fassaden- und Dachelemente müssen aus einer werkseitig vorgefertigten Tragkonstruktion für die Dämm- und Witterungsebene auf Basis eines digitalen 3D-Aufmaßes bestehen. Mindestens 80% der Flächen gegen Außenluft der wärmeübertragenden Fassade oder der gesamten Fassade des Bestandsgebäudes müssen vollständig mit seriell werkseitig vorgefertigten Fassadenelementen saniert werden. Die Fassadenfläche ist die Summe aller zu sanierenden Außenwandflächen, Fenster und Türen, die an die Außenluft grenzen.
Die vorgefertigten Elemente müssen in Größe und Form unverändert vor Ort eingebaut werden. Eine nachträgliche Größenanpassung auf der Baustelle ist generell nicht zulässig. Entfernt werden können Bauteile, die für den Transport notwendig sind, ebenso wie überschüssiges Material aus der Dichtungsebene oder Überstände der Unterkonstruktion, die im Rahmen des Zusammenfügens der einzelnen Fassadenelemente entstehen. Die Höhe der Fassadenelemente muss mindestens der Raumhöhe der jeweiligen Geschosse (Erd- und Obergeschosse) des Bestandsgebäudes entsprechen. Ausgenommen ist das Element unterhalb der Dachüberstände.
Die Fenster in den Elementen (Fassade und Dach) müssen ganz oder zumindest die Rahmen dieser Fenster werkseitig eingebaut werden.
Planung und Ausführung
Bei einer Seriellen Sanierung spielt die Vorbereitung und Planung eine große Rolle. Zuerst ist der Bestand digital aufzunehmen, um das Gebäude exakt zu erfassen und darzustellen. Ein 3D-Aufmaß ist die Grundvoraussetzung für das Serielle Sanieren. Das 3D-Modell bildet die Grundlage für die weitere Planung zur Vorfertigung der Fassadenelemente. Bei einer Vor-Ort-Begehung wird das digitale Gebäudeaufmaß erstellt, welches die Unebenheiten der Fassade aufnimmt.
Die vorgefertigten Elemente müssen eine Tragkonstruktion für die Wärmedämmung und Witterungsebene aufweisen und sind über geeignete Verbindungsmittel an der Bestandsfassade zu montieren. Ein Einbringen von Einblasdämmung, wie z. B. Zellulose, in die Elemente, nach der Montage, ist zulässig. Auch dürfen Teilbereiche der Fassadenfläche bis zu 20% vor Ort nachträglich gedämmt werden.
Die Grundkonstruktion der Dach- und Fassadenelemente besteht aus einem Holzständerwerk mit einem Achsabstand der Holzständer von 62,5 cm. Innenseitig wird auf der Konstruktion ein Plattenwerkstoff aufgebracht, der meistens die aussteifende Funktion übernimmt. Außenseitig wird die Konstruktion mit einer Holzfaserdämmplatte beplankt bzw. eine Holzfaserplatte aufgebracht, auf der die Unterkonstruktion für die Befestigung der Witterungsebene aufgebaut ist.
Die äußerste Schicht, die dem Wetter ausgesetzt ist, wird als Witterungsebene bezeichnet und besteht meist aus Holzverschalungen, Werkstoffplatten, Metallverkleidungen auf einer hinterlüfteten Ebene oder wird als Putzträgerplatte auf das Fassadenelement montiert. Das Verputzen der Trägerplatte kann vor Ort erfolgen.
Fassadenanschlüsse an Erkern, Balkone, Loggien, bodentiefen Fenstern sowie die Anschlüsse der Horizontal- und Vertikalstöße zwischen den Elementen, aber auch Arbeiten im Sockelbereich, die bauseits ausgeführt werden, sind zulässig. Dachgauben sind der Gesamtfläche „Dach“ zuzuordnen. Die Außenflächen der Dachgaube, wie Wände und Fenster, werden nicht der Fassadenfläche zugerechnet.
Bei vorgefertigten Fassadenelementen ist, in Abhängigkeit der Gebäudeklasse und nach Bauordnung der Länder, der Brandschutz zu berücksichtigen. Ein Brandschutzkonzept ist zu erstellen, in dem die Vermeidung von Brandüberschlag detailliert berücksichtigt wird.
Im Neubau gehört die Vorfertigung von nichtragenden vorgehängten Fassaden, v. a. aus Holz, seit Jahren zum Standard. Meist besteht die tragende Konstruktion aus einer massiven Bauweise, wie z. B. Stahlbeton, welche als Speichermasse dient.
Holz, ein Rohstoff mit ausgezeichneten wärmeschutztechnischen Eigenschaften, der bei geringen Wandstärken verbaut werden kann. Weitere Eigenschaften, wie ein geringes Gewicht und eine trockene Bauweise, ermöglichen einen hohen Vorfertigungsgrad. Zudem ist Holz ein nachwachsender Baustoff.
Eine Serielle Sanierung eignet sich v. a. bei einfachen und typenähnlichen Gebäuden, gerade im Geschosswohnungsbau bei Mietshäusern aus den 1950er- bis 1970er-Jahren.
Aufstockung, Erweiterung & Anbau
Soll eine Sanierung der Außenbauteile von Wohngebäuden erfolgen, ist zu überlegen und zu prüfen, ob nicht eine Aufstockung zur Schaffung von weiterem Wohnraum Sinn ergibt. Die Tragfunktion der bestehenden Konstruktion ist jedoch Voraussetzung für eine Aufstockung.
Da die meisten Häuser dieser Zeit eine Gebäudetiefe von 9 – 10 m haben und häufig Ost-West-orientiert sind, besteht ggf. die Möglichkeit für den Anbau oder die Erweiterung der Grundrisse durch vorgefertigte und vorgestellte Holzbausysteme für zusätzliche Räume, Loggien oder Balkone an das bestehende Gebäude. Bei einem Ausbau oder einer Erweiterung müssen die neu hinzukommenden Fassadenflächen mit eingerechnet werden. Insgesamt müssen in dem Fall 80% aus der neuen Fassadenfläche und der Bestandsfläche aus vorgefertigten Fassadenelementen bestehen.
Werden z. B. nach einem Teilrückbau des zu sanierenden Gebäudes oder bei der Erweiterung dessen Raumzellen errichtet, sind die technischen Vorgaben zu den vorgefertigten Fassadenelementen zu berücksichtigen.
Material & Statik
Fassadenelemente in Holzbauweise haben den Vorteil, dass sie durch ihr geringeres Konstruktionsgewicht gegenüber z. B. Stahlbeton bei Bestandsgebäuden, die aus statischer Sicht erfahrungsgemäß einen geringeren Bemessungswert in der Tragkonstruktion aufweisen, eingesetzt werden können. Eine Lastabtragung über die Gebäudehülle ist möglich, sollte aber durch einen Tragwerksplaner geprüft werden. Bei vorgehängten Bauteilen kann die Last z. B. über Konsolen an den Geschossdecken oder die gesamte Höhe über gegründete Fundamente eingeleitet werden.
Holz bietet zudem in Bezug auf den Gedanken einer Kreislaufwirtschaft einen entscheidenden Vorteil: Holz ist ein nachwachsender Rohstoff und bietet so eine ganzheitliche, nachhaltige Wirtschaftsweise und weist eine günstige Ökobilanz auf. Holz bindet zudem Kohlenstoff und fungiert als CO₂-Speicher. Bei einem Rückbau sind Holzbauelemente sortenrein trennbar und können ggf. wiederverwendet werden.
Integration von Haustechnik
Werden Bestandsgebäude grundlegend saniert und dabei die Haustechnik erneuert, ist zu überlegen, ob zusätzliche Leitungen, wie Elektro, Heizung und Lüftung, bei optimaler Planung nicht in die Fassade gelegt werden können. Bei einer dezentralen Lüftung macht es Sinn, die Lüftungstechnik in den Fensterlaibungen unterzubringen, gerade um Durchbrüche in der Fassade zu vermeiden. Auch bei Aufstockungen kann die Haustechnik über die Fassade weiter nach oben geführt werden.
Als Bekleidung der Fassade besteht die Möglichkeit zur Integration von Photovoltaik- oder Solarmodulen, die bündig an die eigentliche Fassadenbekleidung anschließen. Die Leitungen hierfür können in der Fassade verzogen werden. Zu beachten ist jedoch, dass Photovoltaikmodule, im Gegensatz zu Solarmodulen, eine Belüftung benötigen, um einen möglichst hohen Wirkungsgrad zu erzielen.
Fenster, Türen und Sonnenschutz werden im Werk eingebaut, sodass die zusätzlichen Montagearbeiten auf der Baustelle entfallen. Die Qualitätssicherung im Werk garantiert eine hohe Qualität und Abdichtung der Bauteile. Die Öffnungen für die Fensterelemente werden so ausgeführt, dass ein passgenauer Anschluss an das Bestandsgebäude möglich ist. Die neuen Fenster- und Türelemente können wärmebrückenfrei in die Dämmebene der Fassade gesetzt werden. Ein außen liegender Sonnenschutz, wie Rollokasten, Raffstore usw., lässt sich ebenfalls in die Elemente integrieren. Die alten Fenster können entweder vor oder nach der Montage der vorgefertigten Elemente ausgebaut werden.
Drei Fragen an …
Dipl.-Ing. (FH) Christine Uske
Serielle Sanierungen haben neben Wirtschaftlichkeit auch den Vorteil einer schnelleren Umsetzung. Von welchem zeitlichen Rahmen kann in etwa gesprochen werden?
Uske: Das ist pauschal so nicht beantwortbar. Der zeitliche Rahmen ist abhängig von der Größe des Objektes und kann nicht in Tagen oder Wochen dargestellt werden. Grundsätzlich gilt natürlich: Je individueller das Projekt, desto größer ist auch der zeitliche Rahmen, der eingeplant werden muss.
Gibt es besondere Herausforderungen, die bei einer Seriellen Sanierung im Vergleich zu individuellen Lösungen beachtet werden müssen?
Uske: Als Herausforderung sehe ich bei der seriellen Sanierung im Vergleich zur individuellen Lösung v. a. die Logistik. Die Zuwegung muss gesichert und der entsprechende Platz für die Baustelleneinrichtung vorhanden sein.
Serielle Sanierung bietet sich v. a. im typenähnlichen Geschosswohnungsbau an. Zu sanierende Bestandbauten sind aber durchaus divers – gibt es trotzdem Potenziale für diese im Sinne einer Seriellen Sanierung?
Uske: Im Augenblick sehe ich hier noch kein Potenzial für eine serielle Sanierung. Selbst in Gebieten mit Reihenhäusern gleicher Bauart – hier gäbe es vielleicht noch die Möglichkeit –, kann dies schon durch die meist unterschiedlichen Eigentümer mit unterschiedlichem Budget nicht umgesetzt werden.
Die Autorin
Dipl.-Ing. (FH) Christine Uske ist selbstständige Architektin für ganzheitliches und nachhaltiges Bauen. Sie ist zudem BAFAund DENA-anerkannte Energieberaterin für Wohngebäude und Baudenkmal. Zusätzlich ist sie Planerin für vorbeugenden Brandschutz. Seit 2009 ist Christine Uske mit eigenem Architekturbüro in München, entwickelt und plant zukunftsorientierte Nutzungs- und Energiekonzepte, abgestimmt auf den Nutzer und die Umgebung. Das Tätigkeitsfeld erstreckt sich über alle Leistungsphasen der HOAI im Bereich Sanierung, Um- und Neubauten von öffentlichen Gebäuden, Wohnungsbauten, Gewerbe- und Verwaltungsbauten und Bestandsbauten im Denkmal.
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